Wilde Kaninchen & Domestizierung

Kaninchen in freier Wildbahn

Allgemeines
Das Hauskaninchen stammt ursprünglich nicht vom Feldhasen ab, wie häufig angenommen wird, sondern vom europäischen Wildkaninchen, das sich vom Feldhasen durch verschiedene Merkmale unterscheidet. So trägt das Wildkaninchen ein graubraunes Fell mit braunem bis rostrotem Nackenbereich und hat im Gegensatz zum Feldhasen sehr kurze Löffel (Ohren)mit einer Länge von etwa 6 bis 8 Zentimetern. Die Tiere sind zudem zierlicher (1,3 - 2,2 kg) und besitzen kürzere Hinterbeine als der Feldhase. Die Kopf-Rumpflänge beträgt 35-45 Zentimeter, die Blume (Schwanz) wird vier bis sieben Zentimeter lang.

Verbreitung
Im Altertum fand sich das Wildkaninchen nur auf der Iberischen Halbinsel und im Süden Frankreichs, kam jedoch im Gepäck von Seefahrern und Eroberern schon bald als "Lebendverpflegung" nach Italien und Nordwestafrika. Im Mittelalter folgte die Verbreitung in Richtung Frankreich und auf die Britischen Inseln. Deutschland bevölkerten wildlebende Kaninchen erst in der frühen Neuzeit. Zu dieser Zeit wurde das Wildkaninchen auch auf vielen Inseln heimisch. In Australien, Neuseeland, Südafrika, Nord- und Südamerika wurden durch den Menschen Wildkaninchen ebenfalls heimisch und entwickelten sich mit der Zeit teilweise zu einer richtigen Plage. Heute ist das Wildkaninchen in ganz Europa (außer Mittel- und Nordskandinavien und Island) und in vielen anderen Teilen der Welt zu finden.

Verhalten
Wildkaninchen leben in großen Gruppen oder Familienverbänden zusammen und pflegen in dieser Verbindung ein ausgeprägtes Sozialverhalten mit klarer Rangordnung. Die unterirdischen Bauten, die das Zentrum des bis zu einem Kilometer großen Reviers bilden, finden sich vor allem in lockeren, sandigen Böden und können bis zu drei Meter tief und 45 Meter lang werden.

Innerhalb dieser Bauten sind die Schlafplätze nach der Rangordnung verteilt. So ruhen die rangniederen Tiere im (gefährlicheren) Außenbereich, während sich die ranghohen Tiere weit ins Innere der Bauten zurückziehen können. Diese Rangordnung ist nicht fest, sondern wird durch Kämpfe immer wieder neu organisiert. Im Bezug darauf ist zu erwähnen, dass diese Rangordnung rein von den weiblichen Tieren ausgefochten wird. Die Rammler besitzen untereinander eine eigene Rangordnung und es ist nicht zwangsläufig so, dass das ranghöchste Weibchen auch eine Paargemeinschaft mit dem ranghöchsten Männchen bildet.

Im Allgemeinen sind Wildkaninchen sehr reviertreue Tiere, die am liebsten innerhalb ihrer Gruppe bleiben. Hin und wieder werden Weibchen und Jungtiere aus fremden Gruppen aufgenommen, jedoch werden erwachsene Rammler stets verjagt. Innerhalb dieser Gruppen bestehen feste Paargemeinschaften aus jeweils einer Häsin und einem Rammler, die sich Bau und Schlafplatz teilen und auch zusammen auf Futtersuche gehen.

Die dämmerungsaktiven Tiere verlassen hierzu bei Anbruch der Nacht ihre Bauten, um pflanzliche Nahrung, bestehend aus Gräsern, Blättern und Kräutern, aufzunehmen. Dabei bleiben sie meist in der Nähe des Unterschlupfs, um bei Gefahr schnell flüchten zu können. In der Regel besitzen diese Bauten mehr Eingänge als Kaninchen, um die Flucht zu erleichtern. Wittert ein Tier Gefahr lässt es ein lautes Pfeifen ertönen und trommelt mit den Hinterläufen auf den Boden. Dieses Signal veranlasst die gesamte Kaninchengruppe zur sofortigen Flucht.
 
Vom Wildkaninchen zum Hauskaninchen

Kaninchen werden bereits seit der Antike als Haustiere gehalten, eigneten sie sich doch durch ihre pflegeleichte Haltung und Vermehrungsfreudigkeit wunderbar als Frischfleischquelle. Dies machten sich vor allem die Spanier als Seefahrervolk zunutze, die die Kaninchen als Lebendfracht auf ihren Schiffen transportierten und sie so auf der ganzen Welt verbreiteten.

Bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. erwähnt Varro die Haltung von Mastkaninchen in Gehegen. Hierbei verspeisten die Spanier und später auch die Römer unter anderem die Föten und Jungtiere der Kaninchen. Später wurden Kaninchen vor allem in Klöstern gehalten, da das Fleisch der Tiere auch in der Fastenzeit erlaubt war.

In deutschen Klöstern wurden im Jahr 1149 die ersten Kaninchen urkundlich erwähnt. Im Mittelalter hielt man die Nutztiere in Kaninchengärten oder auch auf Inseln. Interessant zu wissen, ist in diesem Zusammenhang, dass es zu dieser Zeit zwar bereits Kaninchen in Haustierhaltung in Deutschland gab, jedoch keine Kaninchenbestände in freier Wildbahn.

Zu Anfang wurden in der Haustierhaltung einfach Wildkaninchen vermehrt, eine planmäßige Zucht setzte erst im 16. Jahrhundert ein. Zuerst züchtete man im Bezug auf Fleisch und Pelz, woraus die großen Kaninchenrassen und unter anderem auch die Angorakaninchen entstanden. Auch Farbzuchten wurden schon früh durchgeführt.

In Deutschland kam es nach dem Deutsch-/Französischen Krieg 1870/71 zu einem Aufschwung in der Kaninchenzucht. Man begann die Kaninchen in Ställen zu halten und gezielt miteinander zu verpaaren, während die "Kuhhasen" vormals meist freilaufend in Großviehställen gehalten wurden und dort mit den Rindern das Futter teilten. Besonders die Industriegebiete entwickelten sich aufgrund des geringen Platzbedarfs der Tiere schnell zu Hochburgen der Kaninchenzucht.

Eine reine Zucht von Kaninchen als Liebhabertiere setzte etwa gegen Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Zu dieser Zeit entstanden dann auch die heute allseits bekannten und beliebten Zwergkaninchen.